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Colchicin

I. Allgemeine Toxikologie

1. Chemisch-physikalische Eigenschaften

Colchicin ist ein trizyklisches, lipidlösliches Alkaloid mit antiinflammatorischer Wirkung, das von Colchicum autumnale (Herbstzeitlose), Gloriosa superba (Ruhmeskrone) und Sandersonia aurantiaca (Chinesische Laternenblume) stammt. Die höchste Konzentration des Alkaloids befinden sich in den Blüten und Samen.
 

2. Quellen

-Colchicin wird in der Human- und Veterinärmedizin zur Behandlung verschiedener Erkrankungen wie akute Gichtarthritis, Perikarditis, Amyloidose bei familiärem Mittelmeerfieber, familiäres Shar-Pei-Fieber, Condyloma acuminata und neutrophile Dermatosen sowie zur Vorbeugung von Leber- und Nierenfibrose bei Hunden eingesetzt.
-Off-Label wird Colchicin zur Vorbeugung von Fibrose nach Implantation eines Glaukom-Drainageimplantats, bei Stentimplantation in die Luftröhre, zur Vorbeugung von Strikturbildung in der Harnröhre und zur Behandlung bestimmter Arten von Neoplasien verwendet.
 

3. Kinetik

-Colchicin wird oral schnell resorbiert, der maximale Plasmapeak ist nach 0.5-2.0 Stunden erreicht. Das Verteilungsvolumen ist gross, Cholchicin reichert sich in der Leber, Nieren, Milz, Magen-Darm-Schleimhaut und Leukozyten an. Cholchicin wird zu 80% über die Galle und zu 20% über den Urin ausgeschieden. Die Eliminationshalbwertszeit ist lang, sie beträgt 20-40 Stunden.
-Durch die enterohepatische Rezirkulation wird die Wirkung von Colchicin verlängert, so dass die Ausscheidung einer einzelnen akuten Überdosierung beim Hund bis 10 Tage oder länger andauert.
 

4. Toxisches Prinzip

-Colchicin beeinträchtigt die Funktion der Mikrotubuli und hemmt die Mitose. Die empfindlichsten Organe sind der Magen-Darm-Trakt und das Knochenmark, wo es zu einer Aplasie führt; später kommt es unter anderem zu Multiorganversagen, Herz-Kreislauf-Kollaps, Atemdepression und Bluthochdruck.
-Colchicin hemmt die zelluläre Mitose, indem es an das intrazelluläre Tubulin bindet und dessen Polymerisation zu Mikrotubuli blockiert. Durch den Mangel an Mikrotubuli werden verschiedene Zellfunktionen gehemmt, darunter die Mitose, die Degranulation, die Chemotaxis und die entzündlichen Signalwege. Zudem wird die Fibroblastenproliferation verhindert und die Kollagensynthese verringert.
-Colchicin wirkt direkt toxisch auf die Muskeln, Myokardzellen, das periphere Nervensystem sowie die Leber, verursacht eine Depression des Atemzentrums und durch zentrale vasomotorische Stimulation eine Verengung der Blutgefässe und Bluthochdruck.
 

5. Toxizität bei Labortieren

Die akute orale LD50 ist wie folgt (in mg/kg Körpergewicht):
 MausRatte
Colchicin5.8726
 

II. Spezielle Toxikologie - Kleintier

1. Toxizität

-Vergiftung bei Kleintieren verlaufen akut und sind in der Regel auf die versehentliche Einnahme von Humanarzneimitteln oder eine Überdosierung zurückzuführen.
-Das Risiko einer Intoxikation steigt bei Leber- oder Niereninsuffizienz und gleichzeitiger Gabe von Arzneimitteln, die den Colchicin-Stoffwechsel beeinflussen.
-Colchicin hat einen engen Sicherheitsspielraum, Vergiftungen können bereits bei einer 10-fachen Überschreitung der empfohlenen Dosis innert weniger Stunden auftreten.
-Therapeutische Dosis: Hund, oral: 0.03 mg/kg Körpergewicht/Tag.
-Akute Toxizität: TD Hund, oral: 0.3 mg/kg Körpergewicht/Tag; LD Hund, oral: 0.5-3.6 mg/kg Körpergewicht.
 

2. Latenz

-Erste Symptome treten innert weniger Stunden auf.
-Phase I, innerhalb 24 Stunden nach Einnahme: Schädigung der Schleimhaut des Magen-Darm-Trakts mit Schmerzen, Erbrechen, Durchfall und Magen-Darm-Blutungen.
-Phase II, 1-7 Tage nach Einnahme: Anzeichen eines Multiorganversagens mit metabolische Azidose, Schock, Myelosuppression, Nieren- und Leberversagen sowie Atemdepression.
-Phase III, 7-21 Tage nach Einnahme: in dieser Phase treten die meisten Todesfälle auf; die hämatopoetische Erholung des Knochenmarks sowie die Rückbildung von Organschäden signalisieren eine bessere Prognose.
 

3. Symptome

3.1Allgemeinzustand, Verhalten
Lethargie, Depression, Hypothermie, Dehydrierung, Schock, Kollaps
  
3.2Nervensystem
Schwäche, zentrale Krampfanfälle
  
3.3Oberer Gastrointestinaltrakt
Starke Salivation, Vomitus
  
3.4Unterer Gastrointestinaltrakt
Abdominalschmerzen, hämorrhagische Diarrhoe, Hämatochezie
  
3.5Respirationstrakt
Atemdepression
  
3.6Herz, Kreislauf
Anzeichen eines Schocks, Bluthochdruck
  
3.7Bewegungsapparat
Keine Symptome
  
3.8Augen, Augenlider
Keine Symptome
  
3.9Harntrakt
Hämaturie, akutes Nierenversagen
  
3.10Haut, Schleimhäute
Keine Symptome
  
3.11Blut, Blutbildung
Erhöhte Leberwerte, erhöhte Nierenwerte, Hypoproteinämie, metabolische Azidose, Myelosuppression, Disseminierte intravasale Gerinnung (DIC); Urin: erhöhte Proteinkonzentration und roten Blutkörperchen
  
3.12Fruchtbarkeit, Jungtiere, Laktation
Keine Symptome
 

4. Sektionsbefunde

-Schädigung der Schleimhaut des Magen-Darm-Trakts, Myokard- und Leberschäden.
 

5. Weiterführende Untersuchungen

-Cholchicin-Spiegel: im Serum ist das Cholchicin ca. 24 Stunden nachweisbar, im Urin etwa 3 Tagen lang.
-Vollblut: grosses Blutbild zur Beurteilung einer Dehydratation (erhöhter Hämatokrit und Plasmaprotein) oder Panzytopenie aufgrund einer Knochenmarksuppression.
-Serumbiochemie: erhöhte Leberenzyme, Azotämie.
-Urinanalyse: Isosthenurie, Hämaturie, erhöhte Proteinkonzentration.
 

6. Differentialdiagnosen

-Intoxikationen mit Vitamin-D, Cumarinderivaten, 5-Fluorouracil oder Arsen.
 

7. Therapie

7.1Notfallmassnahmen
-Kreislauf stabilisieren
-Atmung stabilisieren
-Krämpfe kontrollieren
 
7.2Dekontamination und Elimination
-Provozierte Emesis: bei asymptomatischen Patienten.
-Magenspülung: bei Einnahme einer grossen Anzahl von Tabletten oder provozierte Emesis nicht erfolgreich.
-Sofern guter Schluckreflex oder via Magensonde: Verabreichung von Aktivkohle mit einem Laxans, z.B. Carbodote, Trinklösung (24 g Carbo activatus/100 ml) oder Carbovit® (15 g Carbo activatus/100 ml).
-Die frühzeitige Verringerung der Absorption und Entfernung aus dem Magen-Darm-Trakt führt zu besseren Ergebnissen.
 
7.3Extrakorporale Therapie
-Aufgrund des hohen Verteilungsvolumens von Colchicin ist eine Hämodialyse nicht effektiv.
 
7.4Antidot
-Colchicin-spezifische Fab-Fragment-Antikörper: experimentell; sie stellen die Tubulinaktivität wieder her, indem sie Colchicin freisetzen und ausscheiden.
-Gentechnisch hergestelltes Lipocalin (Lcn2): Komplexbildung mit und verbesserte Ausscheidung von Colchicin.
 
7.5Weitere symptomatische Massnahmen
-Intravenöse Flüssigkeitstherapie mit isotonischen Kristalloiden: bei Patienten mit Dehydrierung und Magen-Darm-Symptomen.
Antiemetika
-Maropitant: 1 mg/kg Körpergewicht i.v., s.c., alle 24 Stunden.
-Ondansetron: 0.5-1.0 mg/kg Körpergewicht i.v., s.c., alle 8-12 Stunden.
N-Acetylcystein: verbessert die von Colchicin durch oxidativen Stress verursachten Zellschäden.
 
7.5Vorsichtsmassnahmen/Interaktionen
-Medikamente, die eine Knochenmarksuppression verursachen, u.a. Immunsuppressiva, Chloramphenicol und Antineoplastika, interagieren mit Colchicin.
-Auch Makrolid-Antibiotika, Fluorchinolone, Antimykotika, Statine, Digoxin, Angiotensin-Converting-Enzym-Hemmer, CYP3A4-Hemmer und P-Glykoprotein-Hemmer erhöhen die Toxizität von Colchicin.
 
7.6Patientenüberwachung
-Überwachung des Allgeinmeinbefinden und falls notwendig regelmässige Blutkontrollen.
 
7.8Ernährung
-Magen-Darm-Diät.
 

8. Verlauf

8.1Erwarteter Verlauf und Prognose
-Da Colchicin mehrere Organe schädigen kann, ist die Prognose je nach eingenommener Dosis und vorliegenden klinischen Symptomen vorsichtig bis mässig.
 

9. Literatur

Boyadzhieva Z, Ruffer N & Krusche M (2021) Colchicin: altes Medikament mit neuem Nutzen. Z Rheumatol 80(7), 647-657
 
DrugBank (2025) Colchicin. https://go.drugbank.com/drugs/DB01394 (erfasst am 16.9.2025)
 
Eddleston M, Fabresse N, Thompson A, Al Abdulla I, Gregson R, King T, Astier A, Baud FJ, Clutton RE & Alvarez JC (2018) Anti-colchicine Fab fragments prevent lethal colchicine toxicity in a porcine model: a pharmacokinetic and clinical study. Clin Toxicol (Phila) 56(8), 773-781
 
Kuttappan DA & Rumbeiha WK (2024) Colchicin. In: Blackwell's five-minute veterinary consult clinical companion: small animal toxicology, 3rd edition. Eds. Hovda LR, Brutlag AG, Poppenga RH & Epstein SE. Wiley Blackwell, pp 165-168
 
SDB Colchicin (2025) https://www.sigmaaldrich.com/CH/fr/sds/sigma/c9754?srsltid=AfmBOor78YDEVkBRwjbhGDFoEZN9_sg9 LnmqfAymxepf_HIwX7mYUq-X (erfasst am 16.9.2025)
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