Gifte von Amphibien - Kleintier
CliniTox
Klinische
Toxikologie
 

I. Allgemeine Toxikologie

1. Chemisch-physikalische Eigenschaften

Die Hautsekrete der einheimischen Amphibien enthalten toxische Stoffe wie Tetrodotoxin, Bufotoxine und Steroid-Alkaloide. Die drei Hauptkomponenten der Bufotoxine sind Bufogenin (auch Bufadienolide genannt), den herzwirksamen Glycosiden eng verwandt, Bufotenin, ein Halluzinogen, und Serotonin, ein Vasokonstriktor. Beispiele von Steroid-Alkaloiden sind Samandarin (C19H31NO), Samandaridin (C21H31NO) und Samanderon (C22H31NO2). Es sind auch verschiedene Enzyme wie Amylasen, Phosphatasen und Arylamidasen nachgewiesen worden. Die Toxine dienen zum Schutz vor Feinden und zur Verhinderung der Besiedlung der feuchten Hautoberfläche durch Mikroorganismen.
 

2. Quellen

Tetrodotoxin findet man in der Hautsekreten und Eiern der Triturus-Arten, jedoch nur in sehr geringen Konzentrationen. Die Enzyme Amylasen, Phosphatasen und Arylamidasen sind auch in den Sekreten dieser Tiere nachgewiesen worden. In Mitteleuropa leben (Triturus alpestris/Mesotriton alpestris), Berg- oder Alpenmolch, Triturus helveticus/Lissotriton helveticus, der Fadenmolch, Triturus vulgaris, der Teichmolch, Triturus cristatus, der Kammolch und Triturus carnifex, der Italienische Kammolch.
Bufadienolide sind im Hautsekret um im Sekret der Glandula parotis der mitteleuropäischen Kröten Bufo bufo/Bufo vulgaris (Erdkröte), Bufo calamita (Kreuzkröte) und Bufo viridis (Wechselkröte, die in der Schweiz ausgestorben ist) nachweisbar.
Die giftigen Steroid-Alkaloide sind im Hautsekret beider mitteleuropäischen Salamandra-Arten, dem Feuersalamander (Salamandra salamandra/Salamandra maculosa) und dem Alpensalamander (Salamandra atra) zu finden. Der Feuersalamander enthält 17-24 mg Alkaloide pro Tier, der Alpensalamander 4-5 mg Alkaloide.
 

3. Toxisches Prinzip

Das Tetrodoxin der Triturtus sp. ist ein Nervengift. Es blockiert die spannungsaktivierten Natriumkanäle in den Neuronen und verhindert dadurch das Auslösen von Aktionspotentialen. Die Folge sind motorische und sensible Lähmungserscheinungen. Die geringe Menge an Tetrodoxin bei den einheimischen Molchen verursacht kaum solche Symptome.
Das herzwirksame Bufogenin bewirkt schon in kleinen Dosen eine Steigerung der Kontraktionskraft des Herzens und eine Verminderung der Herzfrequenz, das heisst eine Digitalis-ähnliche Wirkung (siehe Digitalis purpurea). Ausserdem treten lokalanästhetische Effekte auf. In grossen Dosen verursachen die Bufotoxine neben gastrointestinalen Reizerscheinungen, einen Blutdruckanstieg und eine Erregung der glatten Muskulatur.
Samandarin ist ein zentral wirkendes, starkes Krampfgift mit Hauptangriffspunkt an der Medulla oblongata. Der Tod tritt durch primäre Atemlähmung ein. Über den genauen Wirkmechanismus ist wenig bekannt, aber es scheint eine nervenblockierende Eigenschaft zu besitzen, was zu lokalanästhetischen Effekten führt. Ausserdem ist es stark schleimhautreizend, durch die Erregung des Vasomotorenzentrums blutdrucksteigernd und zusätzlich antibiotisch. Vergiftungssymptome bei Tieren sind zunächst Unruhe, Mydriasis, epileptiforme Krämpfe sowie Störungen der Herz- und Atemtätigkeit. Dananch kommt es zu minutenlangen Krampfanfällen und zu Lähmungen bis zum Tod durch Atemlähmung.
 

4. Toxizität bei Labortieren

Die akute LD50 von Tetrodoxin bei der Maus ist 0.332 mg/kg Körpergewicht.
 

II. Spezielle Toxikologie - Kleintier

1. Toxizität

Unterschiedlich, je nach Amphibienart und Zeitraum bis zur Behandlung.
 

2. Latenz

10-90 Minuten.
 

3. Symptome

3.1Allgemeinzustand, Verhalten
Apathie, Somnolenz, Koma
  
3.2Nervensystem
Krämpfe, Lähmungserscheinungen, Taumeln
  
3.3Oberer Gastrointestinaltrakt
Salivation, Schäumen, Erbrechen
  
3.4Unterer Gastrointestinaltrakt
Vomitus, Diarrhoe
  
3.5Respirationstrakt
Dyspnoe
  
3.6Herz, Kreislauf
Bradykardie, Arrhythmie
  
3.7Bewegungsapparat
Keine Symptome
  
3.8Augen, Augenlider
Reizung bei Kontakt mit den Sekreten
  
3.9Harntrakt
Keine Symptome
  
3.10Haut, Schleimhäute
Kirschrote oder bläuliche Schleimhäute (Zyanose)
  
3.11Blut, Blutbildung
Keine Symptome
  
3.12Fruchtbarkeit, Jungtiere, Laktation
Keine Symptome
 

4. Sektionsbefunde

Keine spezifischen Befunde.
 

5. Weiterführende Untersuchungen

Keine spezifischen Untersuchungen.
 

6. Differentialdiagnosen

-Vergiftungen mit anderen Toxinen.
-Gastroenteritis oder Neuropathie anderer Ursache.
 

7. Therapie

7.1Notfallmaßnahmen
-Kreislauf stabilisieren.
-Atmung stabilisieren, Sauerstoffbeatmung.
-Krämpfe kontrollieren.
 
7.2Dekontamination
-Langes und sorgfältiges Waschen der Augen und des Mauls mit lauwarmem Wasser.
-Wiederholt Aktivkohle, bei Verstopfung in Kombination mit Glaubersalz.
 
7.3Weitere symptomatische Maßnahmen
-Antiemetika: Metoclopramid oder Domperidon bei anhaltendem Erbrechen.
 

8. Fallbeispiel

Ein Hund, 6 kg schwer, starb 1.5 Stunden, nachdem er einen Salamander gefressen hatte. Die Symptome beim Eintreffen des Tierarztes waren: zentrale Krämpfe, Koma, Zyanose der Schleimhäute und Dyspnoe (Tox Info Suisse, Zürich).
 

9. Literaturverzeichnis

Fitzgerald KT, Vera R, Hansen SR (2006) Poisonings in the captive reptile. In: Small Animal Toxicology (ME Peterson and PA Talcott, eds) Saunders, Philadelphia, pp 543-544
 
Habermann E (1998) Tierische Gifte. In: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie , 7. Auflage (W Forth, D Henschler, W Rummel & K Starke Hrgs) Spektrum, Akademischer Verlag, pp 890-895.
 
Mebs D, Pogoda W (2006) Variability of alkaloids in the skin secretion of the European fire salamander (Salamandra salamandra terrestris). Toxicon 45, 603-603.
 
Mebs D. (2005) Tierische Gifte. In: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie , 9. Auflage (K Aktories, U Förstermann, FB Hofmann & K Starke Hrgs) Urban & Fischer Verlag, München, Jena, pp 1065-1072.
 
Teuscher E, Lindequist U (1994) Biogene Gifte. Gustav Fischer Verlag, Suttgart, pp 207-208, 436, 541-542.
 
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