Diese akute bis chronische Entzündung der oberen und unteren Atemwege tritt gehäuft bei Kälbern und Jungrindern im Alter von 4 Wochen bis 4 Monaten auf. Die EBP ist die wichtigste Faktorenerkrankung der Kälber. Bei gehäuften Erkrankungen basiert die Lösung des Bestandesproblems auf einer Verbesserung von Haltung, Ventilation und Fütterung der Kälber. Impfungen als alleinige Massnahme und der massive Einsatz von Antibiotika sind ungeeignet, um Mängel im Management und der Aufstallung zu kompensieren.
Erkrankungen der Kälber resultieren in der Regel aus dem Zusammenwirken von Viren, Bakterien, hoher Ammoniakkonzentration, hoher Belegungsdichte, Zugluft und Stress.
Die EBP tritt am häufigsten Crowding-assoziiert, nach Transport und Aufstallung von Kälbern verschiedener Geburtsbetriebe in Mastbetrieben auf sowie, bei nasskalter Witterung im Frühjahr und Spätherbst ("saisonale Form").
Zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung der Kälber ist die frühe Erkennung betroffener Tiere. Häufiges Thermometrieren in Risikoperioden (d. h. nach Aufstallung neuer, zugekaufter Tiere auf dem Mastbetrieb) ist essentiell.
Initial tritt nach der Virusinfektion zunächst Fieber (> 39.5° C) auf. Die Tiere wirken abgeschlagen und müde, husten gelegentlich, zeigen Epiphora und vermehrt serösen Nasenausfluss.
Eine deutlich erkennbare Tachypnoe (> 40 min-1) ist 36–48 Stunden nach dem initialen Fieber erkennbar. Die Atemintensität ist erhöht. Tracheobronchial sind inspiratorisch verschärfte Atemgeräusche auskultierbar. Es entwickelt sich eine inspiratorische Dyspnoe.
Bei Ausbleiben einer adäquaten Therapie fällt in den folgenden Tagen eine deutliche Störung des Allgemeinbefindens sowie eine gemischte Dyspnoe mit aktiver exspiratorischer Komponente auf. Fieber kann in diesem Stadium fehlen. Mucopurulenter Nasenausfluss ist ein Hinweis auf eine bakterielle Sekundärinfektion.
Terminal fallen die Kälber auf mit doppelschlägiger, exspiratorischer Dyspnoe, grossflächigem Röhrenatmen, evtl. Bradypnoe, Hypothermie, Stridor, gestreckter Kopf-Hals-Haltung, Maulatmung und abgeblatteten Schultergliedmassen. Eine erfolgreiche Behandlung und vollständige Heilung derartiger Patienten ist nicht mehr möglich.
|
Tierkate-
gorie |
Applikation | First line | Second line | Third line | Stark eingeschränkter Einsatz | no go | Bemerkungen |
| Enzootische Bronchopneumonie (EBP) | |||||||
|
Kälber und Jungrinder
|
Akut erkrankte Kälber mit deutlicher klinischer Symptomatik | ||||||
| oral | nicht sinnvoll | ||||||
| parenteral | Florfenicol | Sulfonamid + Trimethoprim, β-Laktam-Antibiotika, Tetracycline |
Fluorchinolone, Cephalosporine 3./ 4. Generation | Aminoglykoside | |||
| Metaphylaktische Antibiose („Einstallungsmedikation“) | |||||||
| oral | Amoxicillin | Tetracycline | |||||
| parenteral | Tetracycline | Florfenicol | Aminoglykoside | ||||
Trotz der initialen Virusinfektion sollte die Antibiose unmittelbar nach Auftreten von Fieber (> 40.0°C) in einer betroffenen Gruppe, zum Teil bereits vor Auftreten einer deutlichen respiratorischen Symptomatik beginnen. Sobald sich im Zusammenhang mit einer bakteriellen Sekundärinfektion massive pathomorphologische Veränderungen des Lungenparenchyms entwickelt haben, wird die Prognose wesentlich ungünstiger.
Die Mehrzahl akut erkrankter Kälber ist aufgrund der massiven Einwirkung von Stressoren (ungünstige Witterungsbedingungen, Transportstress, Umstallung) immunsupprimiert. Es sind deshalb initial vorzugsweise bakterizide Antibiotika einzusetzen.
Eine Behandlungsdauer von 6 Tagen sollte bei akut erkrankten Tieren nicht unterschritten werden, um die Rezidivrate gering zu halten (< 10 %). Eine einzige Behandlung ("single shot") ist i. d. R. nicht ausreichend. Der Verlauf sollte durch wiederholtes Thermometrieren und Befundung der klinischen Symptome beobachtet werden. Die Behandlungsintervalle richten sich nach der Wahl des Präparates. Bei konzentrationsabhängigen Antibiotika ist eine hohe initiale Serumkonzentration notwendig, um eine maximale Wirkung sicherzustellen.
| EBP: Akut erkrankte Kälber mit deutlicher klinischer Symptomatik | |||
| Priorisierung | Antibiotika | Bemerkungen | |
|
Oral
|
- | nicht sinnvoll | Akut kranke Tiere sind häufig inappetent; Gefahr der Unterdosierung der Wirkstoffe. |
|
Parenteral
|
First line | Florfenicol | Bakterizide Wirkung gegen Pneumonieerreger (inkl. Mykoplasmen) |
| Second line |
Sulfonamid + Trimethoprim | Potenzierte Sulfonamide wirken bakterizid. Nachteilig ist die fehlende Wirksamkeit gegen Mykoplasmen. | |
| β-Lactam-Antibiotika (ausgenommen 3./4. Generation Cephalosporine) |
β-Lactam-Antibiotika zeigen oft eine gute Wirkung; nachteilig sind deren kurze Halbwertszeit und die fehlende Wirksamkeit gegen Mykoplasmen. | ||
| Tetracycline | Tetracycline in hoher Dosierung haben sich in der Praxis bewährt, wirken aber bakteriostatisch und es werden relativ häufig Resistenzen beobachtet. | ||
| Stark eingeschränkter Einsatz | Fluorchinolone Cephalosporine 3./4. Generation |
Kritische Antibiotika: diese sollen grundsätzlich nur wenn keine Alternative mit nicht kritischen Wirkstoffen existiert und nur nach Erregernachweis und Antibiogramm einge-setzt werden | |
| No go | Aminoglykoside | Sind aufgrund des Erregerspektrums, der Resistenzlage und wegen der geringen therapeutischen Breite nicht geeignet. | |
| EBP: Metaphylaxe („Einstallungsmedikation“) | |||
| Priorisierung | Antibiotika | Bemerkungen | |
|
Oral
|
First line | Amoxicillin | Aminopenicilline zeigen oft eine gute Wirkung; nachteilig ist die fehlende Wirksamkeit gegen Mykoplasmen. |
| Second line | Tetracycline | Tetracycline haben sich in der Praxis bewährt, obwohl relativ häufig Resistenzen nachgewiesen werden; zudem wirken sie bakteriostatisch. Regionale Unterschiede beachten. | |
|
Parenteral
|
First line | Tetracycline | Tetracycline haben sich in der Praxis bewährt, obwohl relativ häufig Resistenzen nachgewiesen werden; zudem wirken sie bakteriostatisch. Regionale Unterschiede beachten. |
| Second line | Florfenicol | ||
| No go | Aminoglykoside | Sind aufgrund des Erregerspektrums, der Resistenzlage und wegen der geringen therapeutischen Breite nicht geeignet. | |
Prudent use: In Betrieben mit wiederkehrenden Problemen werden häufiger Fütterungsarzneimittel eingesetzt und es wird auch häufiger geimpft als in Betrieben, die kaum Probleme mit Rindergrippe haben. Das macht deutlich, dass Bestandesprobleme nur mit massivem Medikamenten- und Impfstoffeinsatz nicht zu lösen sind. Es braucht dort eine grundlegende Evaluation der Ursachen der Probleme und daraus folgend allfällige Verbesserungen und Änderungen in Management, Haltung, Biosicherheit etc.
Mehrere aktuelle Studien aus der Schweiz zeigen, dass kritische Antibiotika sehr häufig als first line Therapie eingesetzt werden. In dieser Hinsicht besteht ein grosses Optimierungspotenzial.
Aktuelle Resistenzdaten können über Resistenzdaten Veterinärmedizin - ANRESIS eingesehen werden.
M. haemolytica
| M. haemolytica | Studie CH (Schönecker et al. 2020) | Tierpathogen-Monitoring D 2022 (Isolate adulter Rinder) |
| Keine Resistenzen | Ceftiofur, Florfenicol und Tulathromycin | Ceftiofur und Enrofloxacin |
| Sehr tiefe Resistenzraten | Enrofloxacin (0.3%) | |
| Mittlere Resistenzraten | Florfenicol und Tulathromycin (12%), Resistenzraten steigend; Penicillin (12%), Tetracyklin (18%) |
|
| Hohe Resistenzraten | Penicillin (25.5%), Oxytetracyklin (27%) |
P. multocida
P. multocida ist seit 2024 als Leitkeim in die Überwachung von Antibiotikaresistenzen bei tierpathogenen Erregern in der Schweiz eingeschlossen, allerdings stehen zurzeit nur wenige Isolate zur Verfügung (<50).
| P. multocida | Studie CH (Schönecker et al. 2020) | Tierpathogen-Monitoring D 2021 (Isolate von Kälbern und adulten Rindern) |
| Sehr tiefe Resistenzraten | Ceftiofur (0.5%) | |
| Tiefe Resistenzraten | Florfenicol und Ceftiofur (je 1.9%), Enrofloxacin (0.3%) | Enrofloxacin (<5%) und Florfenicol (<5%), Penicillin (<5%) |
| Hohe Resistenzraten | Penicillin (27.2%), Tulathromycin (29.6%; steigend) | Tulathromycin (21%, steigend), Tetrazyclin (43%, steigend) |
| Extrem hohe Resistenzraten | Oxytetrazyclin (93%) |
Histophilus somni
| Histophilus somni | Studie CH (Schönecker et al. 2020) | VetPath Studie 2023 |
| Keine Resistenzen | Florfenicol, Ceftiofur, Enrofloxacin und Tulathromycin. | Penicillin, Amoxicillin, Tetrazyclin und Florfenicol |
| Hohe Resistenzraten | Penicillin (23.1%) |
Mycoplasmopsis (Mycoplasma) bovis
Die Resistenzbestimmung von Mykoplasmen ist derzeit nicht standardisiert und es existieren keine Grenzwerte zur Interpretation, weshalb keine Daten aus Monitoringprogrammen verfügbar sind. Zahlreiche Publikationen aus dem Ausland zeigen ein sehr breites Spektrum von Ergebnissen, welche nur sehr beschränkt verallgemeinert werden können.
Gemäss einer aktuellen Studie aus Deutschland sind Tetrazycline, Makrolide oder Fluorchinolone mögliche Optionen zur Therapie. Es gibt Hinweise, dass Resistenzmechanimen zumindest gegenüber Makroliden und Fluorchinolonen sowie Aminoglykosiden erworben wurden.
Zentrale präventive Massnahmen bestehen in ausreichender Kolostrumversorgung, korrektem Tränkemanagement, Verbesserung der Hygiene und Optimierung des Managements.
Um das Erkrankungsrisiko zu vermindern, sollten zudem ausschliesslich gesunde Kälber mit gutem Allgemeinzustand zugekauft werde. Der Transport sollte kurz, schonend und möglichst ohne Umladungen erfolgen.
Im Rahmen des «Freiluftkalb-Projektes» konnte gezeigt werden, dass der Antibiotika-Einsatz in Kälbermastbetrieben durch konsequent verbessertes Management um 80% reduziert werden kann.
Die kontinuierliche Bestossung von Gruppenboxen ist unbedingt zu vermeiden. Zugekaufte Gruppen sollten in gemistete und gereinigte Gruppenboxen kommen. Die Gruppen müssen alters- und gewichtsmässig möglichst homogen und nicht zu gross (< 15 Tiere) sein.
Als wichtige und wirksame Massnahme gilt zudem die prophylaktische Impfung der Kälber gegen BRSV und PI-3. Die intranasale Verabreichung einer Lebendvakzine auf dem Geburtsbetrieb ist seit dem 01.07.2025 obligatorische QM-Anforderung für Verkaufskälber. Die Booster-Vakzination erfolgt auf dem Mastbetrieb. Seit Ende 2025 ist zudem auch eine attenuierte Lebendvakzine gegen M. bovis in der Schweiz verfügbar. (siehe Impfleitfaden bzw. Vaccinscout: VaccineScout: Rind - Enzootische Bronchopneumonie).
Für die Bekämpfung der bei Kälbern häufig überschiessenden Entzündungsreaktionen sind nicht-steroidale Antiphlogistika indiziert. Diese führen zudem zu einer Besserung des Allgemeinbefindens der Tiere.
Glucocorticoide sollten aufgrund der immunsuppressiven Wirkung nicht routinemässig zum Einsatz kommen. Sie sind im Einzelfall aber bei schwer perakut erkrankten Kälbern mit hochgradiger Dyspnoe in hoher Dosierung (z. B. Dexamethason i. v.) sinnvoll.
Bronchosekretolytika (oral oder parenteral) erhöhen bei einer grossen therapeutischen Breite die Sekretion der peribronchialen Drüsenzellen und des Surfactant.
Die Induktion einer Bronchodilatation durch Applikation von Clenbuterol als β2-Sympathomimetikum ist insbesondere bei Vitalindikationen sehr sinnvoll.
Antioxidative Wirkstoffe wie Vitamin E und Selen sind insbesondere bei schwer kranken Tieren indiziert.
Nicht zuletzt sollten akut kranke Tiere möglichst in einer zugfreien und warmen Box mit bestem Stallklima separiert werden. Dies begünstigt die Genesung und verhindert zumindest teilweise die Ausbreitung des Krankheitsgeschehens in der Gruppe.
Informationen zum Einsatz der Komplementärmedizin finden sich im «Supplement Komplementärmedizin»
Spezifische Informationen zum Einsatz von Arzneipflanzen finden sich in der CliniPharm CliniTox Sektion «Phytoarzneien / Arzneidrogen»
Es kann keinerlei Haftung für Ansprüche übernommen werden, die aus dieser Webseite erwachsen könnten.