Gifte von Arthropoden - Kleintier
CliniTox
Klinische
Toxikologie
 

I. Allgemeine Toxikologie

1. Chemisch-physikalische Eigenschaften

Die Gifte einheimischer Raupen, Insekten, Skorpione und Spinnen enthalten toxische Enzyme (Phospholipase A2, Hyaluronidasen, α-Latroxin), toxische Proteine (membranschädigende Peptide, neurotoxische Proteine) sowie biogene Amine (Serotonin und Histamin).
 

2. Quellen

Die Raupen des Eichenprozessionsspinners (Thaumetopoea processionea), beheimatet in Mittel- und Südeuropa, und des Kiefernprozessionspinners (Thaumetopoea pinivora), in Mitteleuropa nur lokal, vor allem im östlichen Europa vorkommend, besitzen neben den üblichen langen Haaren noch eine Vielzahl kurzer, hohler Brennhaare, deren Kanal mit einer Drüsenzelle in Verbindung steht. Diese Brennhaare brechen bei Berührung leicht ab, bohren sich in die Haut oder Schleimhaut ein und geben dort ihren Inhalt, das Enzym Phospholipase A2, ab.
Das Gift des Europäischen Skorpions (Euscorpius italicus), der auch im Tessin anzutreffen ist, enthält u.a. Serotonin und Histamin. Über ein stärkeres Gift verfügt der Buthus occitanus, der im südlichen Europa vorkommt. Die gefährlichen Formen des Buthus occitanus, in dessen Gift Neurotoxine zu finden sind, die im schlimmsten Fall eine Atemlähmung auslösen können, kommen nur in Nordafrika vor.
Im Giftgemisch der Hymenopteren, das heisst der Bienen (Apis mellifera; mit Feind), Wespen (Vespula germanica, Vespula vulgaris, Vespula rufa, Dolichovespula sylvestri u.a.), der Hummeln (Bombus hortorum) und Hornissen (Vespa crabro) befinden sich biogene Amine, membranschädigende Peptide, neurotoxische Proteine sowie Hyaluronidasen und ebenfalls die Phospholipase A2.
Unter den mitteleuropäischen Vertretern der Webspinnen besitzen nur die Ammen-Dornfingerspinne (Cheiracanthium punctorium) und die Wasserspinne (Agyroneta aquatica) eine nennenswerte Giftwirkung für Säuger. Auch giftig ist die in Südeuropa vorkommende Malmignatte (Lactodedres (mactans) tredecimguttatus), eine Verwandte der Schwarzen Wittwe (Lactodedres mactans). In den Giften der Spinnentiere dominieren die Peptid- und Proteotoxine, daneben Hyaluronidasen und Phospholipasen. Das Gift der Lactodedres sp. enthält zudem das neurotoxische Enzym α-Latroxin.
 

3. Toxisches Prinzip

Das Enzym Phospholipase A2, das im Gift der Prozessionsspinner (Thaumetopoea spp.) vorhanden ist, führt durch Abspaltung der Arachidonsäure zur Prostaglandinbildung und dadurch zu einer Entzündungsreaktion in Form von Juckreiz, Konjunktivitis und Irritation der Atemwege bis hin zum Erstickungstod.
Harmlos ist hingegen das Gift des Europäischen Skorpions (Euscorpius italicus), das höchstens eine leichte Schwellung und Schmerzen sowie Hautrötung an der Einstichstelle auslöst. Etwas schmerzhafter ist der Stich des südeuropäischen Buthus occitanus. Das Neurotoxin der giftigeren Vertreter greifen an spannungsabhängigen Na+-Kanälen an und halten diese offen, was zu einer Depolarisation der Membranen von Nerven und Muskeln sowie zur Transmitterausschüttung führt.
Das neurotoxische Enzym α-Latroxin der Lactodedres sp. führt durch Bindung an Glykoproteine und/oder Ganglioside der neuromuskulären synaptischen Membran zu einer Depolarisation und damit zu einer Acetylcholinfreisetzung der präsynaptischen Nervenendigung, was zuerst ein Endplattenpotential hervorruft, jedoch später, wenn die Neurotransmitter enthaltenden Vesikel völlig entleert sind, zu einem Neurotransmissionsblock führt. Auch das Noradrenalin-, Dopamin-, Glutamat- und Enkephalin-System sind empfindlich auf dieses Toxin.
Der Biss der Dornfingerspinne und der Stich der Hymenopteren (Bienen, Wespen, Hummeln und Hornissen) führt in der Regel nur zu einer lokalen Reaktion mit Schmerzen und Schwellung, ganz selten zu Nekosen. Eine lebensbedrohende Gefährdung durch das Giftgemisch der Hymenopteren besteht nur bei der Auslösung einer allergischen Reaktion oder bei systemischen Reaktionen mit Nierenversagen infolge Hämolyse und Rhabdomyolyse nach vielen Einstichen.
 

II. Spezielle Toxikologie - Kleintier

1. Toxizität

Unterschiedlich, je nach Art und Zeitraum bis zur Behandlung.
 

2. Latenz

1-90 Minuten.
 

3. Symptome

3.1Allgemeinzustand, Verhalten
Ataxie; anaphylaktischer Schock, Koma
  
3.2Nervensystem
Muskelschwäche, Paresen, Paralysen; Krampfanfälle; Atemlähmung
  
3.3Oberer Gastrointestinaltrakt
Schwellung, Oedem
  
3.4Unterer Gastrointestinaltrakt
Vomitus, Diarrhoe; Defäkation
  
3.5Respirationstrakt
Reizung der Atemwege bis Erstickungstod, Bronchospasmus; Atemdepression
  
3.6Herz, Kreislauf
Bradykardie, Kreislaufversagen
  
3.7Bewegungsapparat
Keine Symptome
  
3.8Augen, Augenlider
Konjunktivitis
  
3.9Harntrakt
Harnlassen; Hämaturie, Anurie
  
3.10Haut, Schleimhäute
Juckreiz, Schwellung, Schmerzen, Hautrötung; Nekrose
  
3.11Blut, Blutbildung
Keine Symptome
  
3.12Fruchtbarkeit, Jungtiere, Laktation
Keine Symptome
 

4. Sektionsbefunde

Keine spezifischen Befunde.
 

5. Weiterführende Untersuchungen

Keine spezifischen Untersuchungen.
 

6. Differentialdiagnosen

-Vergiftungen mit anderen Toxinen.
-Gastroenteritis anderer Ursache.
 

7. Therapie

7.1Notfallmassnahmen
-Schockbehandlung: Infusionstherapie mit Ringerlaktat-Lösung; Adrenalin 0.5-1.0 µg/kg Körpergewicht in Dauertropf oder intramuskulär.
-Kreislauf stabilisieren.
-Atmung stabilisieren, Sauerstoffbeatmung.
 
7.2Dekontamination
-Langes und sorgfältiges Waschen der Augen und des Mauls mit lauwarmem Wasser.
-Ein in der Haut steckender Bienenstachel vorsichtig mit einer Pinzette entfernen, ohne auf den daranhängenden Giftsack zu drücken. Rasche Kühlung durch kaltes Wasser oder Eis verzögert die weitere Aufnahme des Insektengiftes im betroffenen Körperteil.
 
7.3Antidot
-Latrodectus-spezifisches Antivenin: 1-2 Ampullen mit 6000 Antivenin-Einheiten zuerst s.c., dann i.v.
 
7.4Weitere symptomatische Massnahmen
-Glucocorticoidsalbe bei lokaler Reaktion an der Einstichstelle
-Antihistaminica und Corticosteroiden bei Bienen- oder Wespenstichen in den Rachen oder Hals.
-Antiemetika: Metoclopramid oder Domperidon bei anhaltendem Erbrechen.
 

8. Fallbeispiel

8.1Ein Berner Niederlaufhund, männlich, 5 Jahre alt, 17 kg schwer, geriet in einen Bienenschwarm und hatte etwa 100 Stiche am Körper. Er entwickelte eine Bradykardie, Hyperthermie und eine Hyperventilation. Nach symptomatischer Therapie mit Corticosteroiden, Flüssigkeitssubstitution und Calcium ist er genesen (Tox Info Suisse, Zürich).
  
8.1Ein Hund geriet in einen Bienenschwarm und präsentierte sich im Schockzustand. Unter symptomatischer Therapie normalisierte sich sein Zustand, zwei Tage später entwickelte er jedoch eine Hämaturie und dann eine Anurie, die auf ein Nierenversagen infolge von Hämolyse und Rhabdomyolyse zurückzuführen ist (Tox Info Suisse, Zürich).
 

9. Literaturverzeichnis

Fitzgerald KT, Vera R (2006) Insects-Hymenoptera. In: Small Animal Toxicology (ME Peterson and PA Talcott, eds) Saunders, Philadelphia, pp 744-767
 
Habermann E (1998) Tierische Gifte. In: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie , 7. Auflage (W Forth, D Henschler, W Rummel & K Starke Hrgs) Spektrum, Akademischer Verlag, pp 888-895.
 
Mebs D. (2005) Tierische Gifte. In: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie , 9. Auflage (K Aktories, U Förstermann, FB Hofmann & K Starke Hrgs) Urban & Fischer Verlag, München, Jena, pp 1065-1072.
 
Teuscher E, Lindequist U (1994) Biogene Gifte. Gustav Fischer Verlag, Suttgart, pp 207-208, 436, 541-542.
 
Peterson ME, McNalley J (2006) Spider Envenomation: Black Widow. In: Small Animal Toxicology (ME Peterson and PA Talcott, eds) Saunders, Philadelphia, pp 1063-1069
 
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