Detergentien - Kleintier
CliniTox
Klinische
Toxikologie
 

I. Allgemeine Toxikologie

1. Chemisch-physikalische Eigenschaften

Seifen und Detergentien sind oberflächenwirksame Moleküle, die an einem Ende hydrophile und am anderen Ende hydrophobe Gruppen tragen. Bei den Seifen handelt es sich um Salze von Fettsäuren tierischer oder pflanzlicher Herkunft. Die Detergentien werden auf Grund ihrer unterschiedlichen Ladungsverteilung in nicht-ionische, anionische und kationische Verbindungen eingeteilt.
-Die nicht-ionischen Detergentien sind auf Polyglycolbasis hergestellt (zum Beispiel Polyoxyethylen).
-Anionische Detergentien sind zum Beispiel Alkylnatriumsulfat, Alkylnatriumsulfonat oder Natriumlaurylsulfat.
-Die bekanntesten kationischen Detergentien (auch Invertseifen genannt) sind quaternäre Ammoniumberbindungen (Alkoniumbromid, Benzalkoniumbromid, Benzalkoniumchlorid) oder Pyrimidiniumverbindungen (Cetrimoniumbromid = Cetrimid, Methalkoniumchlorid, Stearalkoniumchlorid). Dequaliniumchlorid ist ein Quinolinderivat.
 

2. Quellen

2.1Nicht-ionische und anionische Detergentien
sind in Seifen, Reinigungsmitteln, Geschirrspülmitteln, Shampoos und Waschmitteln vorhanden. Anionische Detergentien sind die am häufigsten vorkommenden Vertreter.
 
2.2Kationische Detergentien
kommen in Weichmachern, Desinfektionsmitteln, Antiseptika, Fungiziden, Algenbekämpfungs- oder Rostschutzmitteln vor.
 

3. Kinetik

Die anionischen und kationischen Detergentien werden gastrointestinal resorbiert und können systemische Wirkung erlangen. Eine weitere Resorption ist im Bereich verletzter Hautpartien möglich. Die aufgenommenen Substanzen werden in der Leber metabolisiert und über die Nieren ausgeschieden. Seifen und nicht-ionische Detergentien werden kaum resorbiert.
 

4. Toxisches Prinzip

Die toxische Wirkung beruht auf der Eigenschaft, Zellmembranen aufzulösen und Protein zu fällen. Zwischen den verschiedenen Substanzen sind beträchtliche Unterschiede im Ausmass der toxischen Risiken festzustellen.
 
4.1Seifen, nicht-ionische und anionische Detergentien
weisen eine geringe Toxizität auf, die sich mit Erbrechen, Durchfall oder Erosionen der Kornea manifestieren kann. Handelsübliche Produkte, die in automatischen Geschirrspülern Anwendung finden, sind besonders stark alkalisch und wirken daher korrosiv auf Schleimhäuten. Die Resorption anionischer Detergentien kann zu Hämolyse führen.
 
4.2Die kationischen Detergentien
weisen ein höheres Gefährdungspotential auf. Auf Grund ihrer Korrosionsfähigkeit schädigen sie die Haut und Schleimhaut an den Kontaktstellen. Nach Exposition der Augen entstehen schwere Corneaschäden. Die kationischen Detergentien werden auch enteral resorbiert und bewirken Hypersalivation, Erbrechen, Muskelzuckungen, Krämpfe, Muskelschwäche, ZNS- und Atemdepression, Hyperthermie und Koma. Es ist nicht geklärt, ob die systemischen Wirkungen durch Hemmung der Acetylcholinesterase zustande kommen.
 

5. Toxizität bei Labortieren

Akute, orale LD50 (in mg/kg Körpergewicht):

 MausRatteKaninchenHuhn
Alkoniumbromid 560  
Benzalkoliumbromid 460  
Benzalkoliumchlorid (= Zephiran) 234-400  
Benzethoniunchlorid (= Phemerol) 420  
Cetalkoniumchlorid (= Cetol)175   
Cetylpyridiniumchlorid (= Ceepryn) 200  
Methalkoliumchlorid 350-800  
Natriumlaurylsulfat (= Natriumdodecylsulfat) 1'288-1860  
Roccal (= Tretolit XC511) 150-300  
Tetrosan 316-2'000  
 

II. Spezielle Toxikologie - Kleintier

1. Toxizität

Die Toxizität der verschiedenen Substanzklassen variiert. Die Mortalität ist bei allen drei Gruppen gering, während die Morbidität bei den kationischen hoch, bei den anionischen mittel bis gering und bei den nicht-ionischen Detergentien sehr gering ist. Die minimal letale Dosis von Spülmaschinenpulver liegt bei 0.5-2.5 g/kg Körpergewicht p.o. beim Hund.
 

2. Latenz

Bis zum Einsetzen erster Symptome kann es Minuten aber auch Wochen dauern. Vor allem bei nachfolgenden Strikturen können die Störungen mit Verzögerung auftreten.
 

3. Symptome

3.1Allgemeinzustand, Verhalten
Ataxie, Hyperthermie, Depression, Koma
  
3.2Nervensystem
Muskeltremor, Zuckungen, Krämpfe, Paresen
  
3.3Oberer Gastrointestinaltrakt
Erbrechen, Hämatemesis, Maulschleimhautödem und -läsionen, Schäumen, Hypersalivation, Speiseröhrenulkus, Schluckstörungen, Dysphagie
  
3.4Unterer Gastrointestinaltrakt
Kolik, Durchfall
  
3.5Respirationstrakt
Dyspnoe, wenn Kontakt mit der Schleimhaut des Atemapparats bestanden hat, Atemdepression; Aspirationspneumonie, die oft zum Tod des Tieres führen kann
  
3.6Herz, Kreislauf
Keine Symptome
  
3.7Bewegungsapparat
Keine Symptome
  
3.8Augen, Augenlider
Tränen, Konjunktivitis, Kornea-Erosion oder Ulceration, Blepharospasmus
  
3.9Harntrakt
Hämaturie, Hämoglobinurie
  
3.10Fell, Haut, Schleimhäute
Schleimhaut- und Hautreizung, Ulceration
  
3.11Blut, Blutbildung
Anämie, Ikterus
  
3.12Fruchtbarkeit, Jungtiere, Laktation
Keine Symptome
 

4. Sektionsbefunde

Charakteristisch sind Ulcerationen an den Schleimhäuten des Magen-Darm-Traktes, insbesondere auch in der Speiseröhre. Perforationen und Strikturen sind möglich. Nach Aspiration sind entzündliche Veränderungen in Bronchien und Lunge festzustellen. Bei Vergiftungen mit kationischen Detergentien sind ausgedehnte Hämorrhagien und Ödeme in den oberen Gastrointestinalabschnitten zu erwarten. Die anliegenden Teile der Lunge sind in ähnlicher Weise verändert. Ferner treten Tubulidegenerationen in den Nieren auf.
 

5. Weiterführenden Diagnostik

5.1Veränderte Laborwerte
-Blutchemie: Urämie, erhöhte Werte der Leberenzyme, Bilirubinämie
-Differentialblutbild: Anämie, Leukozytose, Leukopenie nach Aufnahme grosser Dosen im Letalbereich
-Harnanalyse: Hämoglobinurie
 
5.2Endoskopie
-Nachweis der Schleimhautläsionen im Ösophagus- und Magenbereich
 

6. Differentialdiagnosen

-Bei Vergiftungen mit anionischen Detergentien kommen differentialdiagnostisch Säuren und Laugen in Frage
-Bei kationischen Detergentien sind Hemmer der Acetylcholinesterase in Betracht zu ziehen.
-Weitere Differentialdiagnose: Tollwut, andere Ursachen von Dysphagie.
 

7. Therapie

7.1Notfallmassnahmen
-Kreislauf stabilisieren, gegebenenfalls Bluttransfusion
-Atmung stabilisiseren
-Krämpfe kontrollieren
 
7.2Antidottherapie
-Dimethylpolysiloxan (Dimeticon, Simeticon) ist aufgrund seiner geringen Oberflächenspannung in der Lage, die Schaumbildung zu unterbrechen. Der Wirkstoff verhindert somit die Gefahr, dass Schaum in die Atemwege gelangt. Dosierung: bis 10 mg/kg p.o. als 2-5%ige Lösung in Wasser. Erst 10 Minuten nach der Verabreichung von Dimeticon soll Wasser zu Trinken angeboten werden.
 
7.3Dekontamination
-Haut- und Schleimhautkontaktstellen werden sorgfältig und lang (20 Minuten) mit lauwarmem Wasser gespült
-Augen 20 Minuten lang mit steriler Kochsalzlösung (oder lauwarmem Wasser) spülen
-Magenspülung und Emesis sind wegen Aspirationsgefahr kontraindiziert!
-Aktivkohle ist unwirksam.
 
7.4Weitere symptomatische Massnahmen
-Behandlung der Kolik mit einem Spasmolytikum
-Behandlung allfälliger Cornealäsionen: antibiotische Augensalbe, Vitamin A
-Antiemetika: Metoclopramid oder Domperidon
-Schutz der Magenschleimhaut: Ranitidin, Omeprazol und Sucralfat
-Antibiotische Versorgung als Prophylaxe bei blutigem Erbrechen und Durchfall: Breitspektrumantibiotika
 

8. Fallbeispiele

8.1Ein Hund (10 Monate, 20 kg, weiblich) hat vor 8-10 Stunden unbekannte Mengen eines Universalreinigers getrunken.
Symptome: Starkes schaumiges Erbrechen, Mydriasis, keine Darmgeräusche, am nächsten Tag zusätzlich Durchfall
Therapie: Infusion, Metamizol, Vitamin B, nach Auftreten des Durchfalls Ampicillin
Verlauf: Nach 2 Behandlungstagen geht es dem Hund besser
(Tox Info Suisse).
  
8.2Hund (11 Jahre, 23 kg, männlich) hat ein ganzes Stück Seife gefressen.
Symptome: Keine
Therapie: Entfällt
(Tox Info Suisse).
 

9. Literatur

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