Wirkungsort
Da die Gestagene im Blut transportiert werden, könnte man annehmen, dass sie sich in allen Organen und Geweben, je nach Durchblutung, mehr oder weniger gleichmässig verteilen. Für die Gestagene trifft dies aber nicht zu, weil ihre Zielzellen spezifische Rezeptoren aufweisen (
Neumann 1992a).
Der inhibitorische Effekt der Gestagene auf die Sekretion von hypophysären Gonadotropinen ist dosisabhängig (
Plumb 1999a).
Wirkungsmechanismus
Steroidhormone sind fettlöslich und deshalb fähig, in alle Zellen des Körpers einzudringen. Das Eindringen in die Zellen erfolgt durch passive Diffusion. Die Steroide binden an spezifische Rezeptoren, welche sich in den Zellen befinden (
Edquist L- 1997a). Für Steroidhormone gibt es wahrscheinlich nur Rezeptoren im Zellkern. Man weiss, dass der Hormonrezeptorkomplex nach Transformation im Zellkern eine starke Bindung mit der DNS eingeht. Durch die Stimulierung der RNS-Polymerase wird die Genexpression auf der Ebene der Transkription moduliert, d.h. die Synthese von mRNS (Boten-RNS) wird in Gang gesetzt, die ihrerseits die Synthese spezifischer Proteine und Enzyme in den Ribosomen anregt (Translation), und somit die eigentliche Hormonwirkung auslöst (
Edquist L- 1997a;
Neumann 1992a). Man vermutet, dass nur nicht proteingebundenes Hormon in die Zielzelle diffundieren kann. Dies würde bedeuten, dass proteingebundene Steroide biologisch inaktiv sind. Die Bindung an Plasmaproteine ist reversibel (
Edquist L- 1997a); diese Transportproteine werden SHBG (sex hormone binding globuline, Sexualhormonbindendes Globulin) genannt (
Selman 1997a).
Anwendung der Wirkungsprinzipien in der Veterinärmedizin
Wiederkäuer
Gestagene werden seit vielen Jahren beim Rind (und kleinen Wiederkäuern) zur Brunstinduktion sowohl bei Tieren mit Zyklusstörungen, als auch für die Brunstsynchronisation eingesetzt. Das Ziel der Behandlung besteht darin, durch Gestagenzufuhr die Verhältnisse der natürlichen Lutealphase zu simulieren. Die Gestagene hemmen über eine negative Rückkoppelung (negative feedback) die Gonadotropinausschüttung. Man geht davon aus, dass während der Behandlung, wie in der Lutealphase des Zyklus, eine wellenförmige Follikelanbildung erfolgt. Nach dem Absetzen des Gestagenpräparates sinkt die Progesteronkonzentration im Blut ab. Ueber den sogenannten Rebound-Effekt soll es zu einem Anstieg der LH-Konzentration im Blut und zum Einsetzen der Brunst mit Ovulation eines während der Behandlung herangewachsenen dominanten Follikels kommen (
Grunert 1995a;
Bostedt 1996a;
Nagelfeld 1996a).
Pferde
Es gibt verschiedene Indikationen, bei denen der Einsatz von Gestagenen bei Pferden sinnvoll ist, z.B. Brunstsynchronisation, Brunstinduktion, Verhinderung von Fehlgeburten und sexuelle Ruhigstellung. Doch ist die Wirkung der meisten Gestagene bei Pferden unbefriedigend. Befriedigende Resultate erzielt man nur mit dem natürlichen Progesteron oder dem synthetischen Gestagen Altrenogest (
Perkins 1999a). Jedoch ist die Östruskontrolle bei der Stute mit Altrenogest auch nicht in jedem Fall erfolgreich. Altrenogest kann bei manchen Stuten eine Follikelentwicklung nicht vollständig unterdrücken und so kommt es mitunter während der Behandlung zur Reifung und Ovulation von Follikeln. Da Altrenogest auch die Lutealphase nach einer Ovulation nicht verkürzen kann, liegt der Zeitpunkt der nach Verabreichung von Altrenogest zu erwartenen Ovulation zwischen 4 und 11 Tagen nach der letzten Applikation. Somit eignet sich Altrenogest nicht für Stuten, bei denen eine sehr präzise Ovulationskontrolle nötig ist (z.B. Embryotransfer). Die Verabreichung von Prostaglandin nach der Altrenogestbehandlung kann die Östruskontrolle verbessern (
Lofstedt 1989a).
Altrenogest kann bei der Stute auch zur zeitlichen Verzögerung des Einsetzens der Fohlenrosse verwendet werden. Es sind keine negativen Einflüsse auf die Konzeptionsrate, den Uterus, die Estradiolkonzentration im Serum, die Milchproduktion und das Wachstum des Fohlens zu erwarten (
Sigler 1989a).
Schweine
Hauptindikation von Altrenogest bei Schweinen ist die Brunstsynchronisation (
EMEA 2002a;
Thompson 2001a).
Wird Altrenogest über 3 bis 9 Wochen an heranwachsende, männliche Schweine verabreicht, kann die sexuelle Entwicklung der Tiere durch den ausbleibenden Anstieg des Testosterons im Plasma verzögert bzw. gehemmt werden. Die Entwicklung der Hoden ist ebenfalls unterdrückt. Die körperliche Wachstumsrate wird jedoch nicht beeinflusst (
Kluber 1985a).