Lippengrind ist eine Parapoxvirus-Erkrankung. Da es sich um eine primär virale Infektion handelt, besteht keine Indikation für Antibiotika. Eine antibiotische Behandlung ist nur bei ausgeprägten sekundären bakteriellen Infektionen sinnvoll.
Die Erkrankung tritt bei Schafen und Ziegen häufig auf und ist weltweit verbreitet. In betroffenen Beständen können bis zu 100% der Tiere erkranken.
Das Virus dringt über kleinste Hautläsionen, insbesondere an unbehaarten oder wenig behaarten Hautarealen, in den Organismus ein und die Übertragung erfolgt von Tier zu Tier oder indirekt über verunreinigte Gerätschaften, beispielsweise Schermaschinen. Lämmer infizieren sich in der Regel beim Saugen am Euter der Muttertiere.
Der Mensch ist ebenfalls empfänglich für das Parapoxvirus, weshalb der Erkrankung zoonotische Bedeutung zukommt.
Der Erreger ist das Parapoxvirus ovis. Es weist eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Trockenheit auf und kann in Stallungen sowie auf Weiden über mehrere Jahre ansteckungsfähig bleiben. Unter Bedingungen feuchter Wärme wird das Virus hingegen rasch inaktiviert.
An unbehaarten oder gering behaarten Körperstellen wie Lippen, Nase, Euter und Kronsaum entwickeln sich zunächst kleine Bläschen und Pusteln, die nach einigen Tagen verkrusten. In der Folge breiten sich die Hautveränderungen aus. Innerhalb von drei Wochen heilen die Blasen und Krusten ab; nach rund 4 Wochen löst sich der Schorf in der Regel problemlos und ohne Narbenbildung. Der Krankheitsverlauf ist häufig afebril und geht meist nicht mit einer ausgeprägten Verhaltensbeeinträchtigung einher. Komplikationen treten vor allem bei Stress, hoher Bestandsdichte oder Sekundärinfektionen auf und äussern sich in vermehrtem Speichelfluss, verminderter oder fehlender Futteraufnahme (insbesondere bei ausgeprägten Läsionen im Maulbereich), Lahmheiten bei Beteiligung der Klauen sowie allgemeiner Schwäche. In schweren Fällen kann es infolge von Tränke- und Futterverweigerung zum Tode der Tiere kommen. Bei Jungtieren können sich die Hautveränderungen im Lippenbereich gelegentlich ausdehnen oder eine blumenkohlartige Struktur annehmen.
Die Diagnose wird in den meisten Fällen anhand der typischen klinischen Veränderungen gestellt. Ein Erregernachweis aus Krustenmaterial ist möglich.
Die betroffenen Hautareale werden wiederholt mit einer Jodlösung behandelt. Bei schweren bakteriellen Sekundärinfektionen mit systemischer Beteiligung können Antibiotika sowie nichtsteroidale Entzündungshemmer eingesetzt werden.
Abgesehen von bakteriellen Sekundärinfektionen ist eine antibiotische Therapie nicht indiziert.
In der Regel heilt die Erkrankung innerhalb von 3 bis 4 Wochen spontan ab. Genesene Tiere sind für etwa ein Jahr vor einer erneuten Infektion geschützt.
Eine gute Stallhygiene, die Vermeidung von Stress sowie eine optimale und bedarfsgerechte Versorgung mit Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen wirken vorbeugend. In verseuchten oder gefährdeten Beständen ist zudem eine Immunisierung (Impfung) von Schafen und Ziegen möglich.
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