mdi-book-open-variant Impressum mdi-help Hilfe / Anleitung mdi-printer Webseite ausdrucken mdi-bookmark Bookmark der Webseite speichern mdi-magnify Suche & Index AntibioticScouts mdi-sitemap Sitemap CliniPharm/CliniTox-Webserver mdi-home Startseite CliniPharm/CliniTox-Webserver mdi-email Beratungsdienst: Email / Post / Telefon

Selektives Trockenstellen

Wichtige Hinweise

Die Einstellung zum Antibiotikaeinsatz, insbesondere zur vorbeugenden Anwendung, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Das generelle Trockenstellen, das früher als wichtige Massnahme zur Kontrolle von Mastitiden empfohlen wurde, wird mehr und mehr vom sogenannten selektiven Trockenstellen abgelöst.
 

Gesetzliche Grundlagen (TAMV)

Angesichts der zunehmenden Entwicklung von Antibiotikaresistenzen dürfen antimikrobielle Wirkstoffe, die zum prophylaktischen Einsatz vorgesehen sind, nicht mehr auf Vorrat verschrieben oder abgegeben werden (Art. 11 TAMV).

Die Bestandestierärztin / der Bestandestierarzt darf dem Tierhaltenden die Trockensteller nach vertieften Abklärungen (z. B. Diagnostik, Kenntnis von vorbestehenden Erkrankungen des Euters oder eines bekannten Risikos für eine Mastitis) für bestimmte Tiere abgeben, aber nicht prophylaktisch für den ganzen Bestand oder für eine unbestimmte Anzahl von nicht bezeichneten Kühen des Bestandes. Dies stellt höhere Anforderungen an Planung und Management der Tiere.

Hilfreich dabei ist ein betriebsindividuelles Trockenstellkonzept basierend auf tierärztlichen Abklärungen.

 
Therapieleitlinien

Trockenstellkonzept - was heisst das?

 

Abbildung 1: Produktionszyklus mit den relevanten Phasen

Die Planung eines selektiven Trockenstellkonzepts umfasst den ganzen Produktionszyklus einer Herde. Berücksichtigt wird nicht nur die Vorbereitungs- und die Trockenstellzeit, fast noch wichtiger sind der Gesundheitszustand und das Management der Kühe während der übrigen Zeit (Abkalbung, Startphase, Produktionsphase etc.; Abb. 1). Gesunde Tiere können ohne antimikrobielle Trockensteller in die Trockenstellphase gehen. Verschiedene Präventionsmassnahmen sind zu beachten, um den Eintritt in die Trockenstellzeit zu optimieren und die Euter über die Galtphase gesund zu erhalten. Weiter ist ein gutes Management in der „heiklen“ Transitphase (3 Wochen vor Abkalbung und erste 4 Wochen der Startphase) essentiell für die Eutergesundheit in der Folgelaktation. Der Entscheid, ob ein antimikrobieller Trockensteller einzusetzen ist, hängt vom Gesundheitszustand der ganzen Herde wie auch von den Vorkommnissen bei den einzelnen Kühen ab.
 

Laktationszyklus Wichtigste Präventionsmassnahmen
Startphase Vermeidung Hypokalzämie und Ketose: 
konsequente Transitfütterung, gute Hygiene in Umgebung, stressfreie Haltung
Produktionsphase Leistungsgerechte Versorgung, stressfreie Haltung
Altmelkphase Verfettung der Tiere vermeiden
Vorbereiten 
Trockenstellen 
(7-10 Tage 
vor dem 
Trockenstellen)
  • Nährstoffe in Fütterung reduzieren mit Ziel einer Tagesmilchleistung <15 kg
  •  Kein Wasserentzug
  • Letzte 3 Zellzahl-Messungen, allfällige Mastitisvorgeschichte, Laborberichte inkl. Antibiogramm aufarbeiten.
  • Schalmtest und allenfalls Milchprobenuntersuchung (für Bio Suisse-Betriebe ist eine bakterielle Milchuntersuchung inklusive Antibiogramm in jedem Fall Pflicht)
Trockenstellen
  • Verbesserung Tier- und v.a. Galtkuhhygiene durch trockene Einstreu und geringere Luftfeuchtigkeit!
  • Abruptes Trockenstellen!
  • Gründliche Zitzendesinfektion vor Anwendung von Zitzenversieglern & Antibiotikainjektoren. Unterschiedliche Art der Applikation bei AB-Injektoren und Zitzenversieglern beachten

Tabelle 1. Wichtigste Präventionsmassnahmen in den Laktationsphasen

Schematische Übersicht - Entscheidung über den Antibiotikaeinsatz

Da beim selektiven Trockenstellen die Eutergesundheit aller Milchkühe im Betrieb relevant ist, dient das theoretische Jahresmittel der Tankzellzahlen eines Betriebes als erstes konzeptionelles Einteilungskriterium (Abb. 2).

Abbildung 2: Einteilungskriterien Betrieb und Kühe:
AB: Antibiotika, TR: Trockensteller, ZZ: individuelle Zellzahl, tTZZ: theoretische Tankzellzahl

Die Zellzahlgrenzen sind auf Grundlage von Literaturangaben und nach den Vorgaben der Verordnung über die Hygiene bei der Milchproduktion festgelegt worden. Sie müssen in Zukunft wissenschaftlich evaluiert werden und aufgrund der Ergebnisse weiter angepasst werden.

Betriebseinteilung und Tierbeurteilung → weiteres Vorgehen

Betriebe mit theoretischer Tankzellzahl < 150 000 Zellen/ml (Jahresmittel)

Bei Betrieben ohne bestehendes Bestandesproblem (tTZZ < 150 000 Zellen/ml) ist ein genereller Einsatz von antimikrobiellen Trockenstellern nicht notwendig. Die Entscheidung, ob ein Einsatz erforderlich ist, basiert auf folgenden Überlegungen:

  • Tiere, die im geometrischen Mittel der letzten 3 Wägungen <150 000 Zellen/ml waren:
    Trockenstellen ohne Antibiotika, Anwendung eines Zitzenversieglers empfohlen!
  • Tiere, die im geometrischen Mittel der letzten 3 Wägungen >150 000 Zellen/ml aufwiesen:
    Milchprobe bakteriologisch untersuchen lassen
  • Antibiogramm periodisch (ca. alle 6 Monate) anfertigen lassen bei Nachweis von: anderen Staphylokokken (aufgrund des Resistenzmusters im Antibiogramm), Herdenproblem mit S. aureus (meist Genotyp B), E. coli
  • Antibiogramm immer empfohlen bei:
    • Enterokokken, S. aureus Einzelfälle (meist andere Genotypen als B), Klebsiellen, Serratien
    • Tiere mit Vorgeschichte von klinischer Mastitis:
    • Antibiotikaeinsatz aufgrund der bakteriologischen Milchuntersuchung der klinischen Mastitis (Erregernachweis und evtl. Antibiogramm), falls eine klinische Mastitis ohne Erregernachweis behandelt wurde, ist eine bakteriologische Milchuntersuchung vor dem Trockenstellen angezeigt.

Fazit:
Besteht kein Herdenproblem (tTZZ < 150 000 Zellen/ml) wird empfohlen folgende Kühe mit Antibiotika trockenzustellen:

  • Einzelkühe mit >150 000 Zellen/ml (geom. Mittel aus letzten 3 Wägungen) und Keimnachweis.
  • Einzelkühe mit Vorgeschichte klinischer Mastitis.

Flankierende Massnahmen:
Periodische Beprobung von Kühen mit klinischer Mastitis und Zellzahlerhöhungen erhöht Therapieeffizienz (bei solchen Tieren ist es nicht unbedingt notwendig, vor dem TS mit AB eine Milchprobe bakteriologisch untersuchen zu lassen).

Betriebe mit theoretischer Tankzellzahl > 150 000 Zellen/ml (Jahresmittel)

Ein genereller Antibiotikaeinsatz beim Trockenstellen ist im Falle von Bestandesproblemen mit S. aureus insbesondere mit Genotyp B und S. agalactiae bis zum Abschluss der Sanierung vorzusehen. Informationen zu Laborbefunden müssen vorliegen.

Bei Umweltkeimen (Streptokokken, E. coli, andere Staphylokokken):

  • Tiere, die im geometrischen Mittel der letzten 3 Wägungen <150 000 Zellen/ml aufwiesen:
    Trockenstellen ohne Antibiotika, Anwendung eines Zitzenversieglers empfohlen!
  • Tiere, die im geometrischen Mittel der letzten 3 Wägungen >150 000 Zellen/ml aufwiesen:
    Milchprobe bakteriologisch untersuchen lassen
  • Tiere mit Vorgeschichte von klinischer Mastitis:
    Antibiotikaeinsatz aufgrund der bakteriologischen Milchuntersuchung der klinischen Mastitis (Erregernachweis und evtl. Antibiogramm), falls klinische Mastitis ohne Erregernachweis behandelt wurde, ist eine bakteriologische Milchuntersuchung vor dem Trockenstellen angezeigt.

Fazit:
Bei Bestandesproblem mit den Leitkeimen S. aureus oder S. agalactiae (tTZZ >150 000 Zellen/ml) wird empfohlen, alle Kühe bis zum Ende der Sanierung mit Antibiotika trockenzustellen.

Bei einem Betriebsproblem mit einem Umweltkeim (tTZZ >150 000 Zellen/ml) empfiehlt es sich folgende Kühe mit Antibiotika trockenzustellen:

  • Einzelkühe mit Vorgeschichte klinischer Mastitis.
  • Einzelkühe mit >150 000 Zellen/ml (geom. Mittel aus letzten 3 Wägungen)
  • Einzelkühe mit Keimnachweis.

Flankierende Massnahmen:

  • Eine Sanierung bei einem Bestandesproblem mit S. aureus oder S. agalactiae sollte mit dem „3 Gruppen Schema“ erfolgen, therapieresistente Kühe sind auszumerzen.
  • Überbelegung ist zu vermeiden, Tier- und Stallhygiene sind zu optimieren, Galtkuhhaltung überprüfen und chronisch infizierte sowie therapieresistente Tiere ausmerzen.
     
Betrieb ohne Milchkontrolle
  • Milchprobenentnahme ab Schalmtest-Resultat ≥ „+“
  • Verwendung der monatlichen Schalmtest-Resultate

Umgang mit Problemtieren

Tiere mit therapieresistenten, chronischen Mastitiden (v. a. S. aureus, S. uberis), das heisst sie haben seit mehr als einer Laktation trotz Behandlung konstant hohe Zellzahlen ohne Abheilung der Infektion über die letzte Galtzeit: Keine Antibiotika zum Trockenstellen, Ausmerzen nach Abkalbung!
 

Allgemeine Überlegungen

Zellzahlgrenzen für eine Probenentnahme können je nach Eutergesundheit im Betrieb auch nach unten angepasst werden.

Antibiogramme, wann?
Allgemein wird das Erstellen von Antibiogrammen empfohlen bei: Anderen Staphylokokken, E. coli, Klebsiellen, Serratien, Enterokokken, Proteus (Liste nicht abschliessend!).

Bei einer Kuh mit Vorgeschichte klinischer Mastitis, die während der Laktation schon beprobt wurde, muss vor dem Trockenstellen nicht zwingend noch einmal eine bakteriologische Untersuchung mit Antibiogramm durchgeführt werden, da die Keimsituation üblicherweise die gleiche ist.

Ausnahme: Betriebe, die Milch nach Richtlinien von BioSuisse produzieren, sind verpflichtet vor jedem Einsatz von antibiotischen Trockenstellern einen Keimnachweis mit Antibiogramm zu liefern.

Eckpunkte für die Entscheidung Antibiotika-Einsatz oder nicht:

  • Mastitis-Vorgeschichte der Kuh: klinische Mastitis, subklinische Mastitis, Zellzahlen der letzten 3 Messungen
  • Herdenproblem mit kontagiösen Keimen / Herdenproblem mit Umweltkeimen
  • Bakteriologische Befunde

Glossar

Klinische Mastitis =

  • Kühe mit Veränderungen an einem oder mehreren Vierteln: Verhärtung, Schmerz, Rötung
  • Kühe mit Veränderung der Milch: Flocken, wässriges Sekret
  • Evtl. verbunden mit Fieber und Fressunlust

Subklinische Mastitis =

  • Keine Veränderungen am Euter aber Zellzahl erhöht >150’00 Zellen/ml

Chronisch klinische Mastitis =

  • Tastbare Gewebeveränderungen im Euter
  • Kühe mit 2 oder mehr Milchkontrollen >500’000 Zellen/ml → Hinweis auf einen stark pathogenen Euterkeim

Therapieresistent =

  • Keine Verbesserung der klinischen Symptome trotz antibiotischer Behandlung
  • Keine Verbesserung der ZZ bzw. im Schalmtest trotz antibiotischer Behandlung innerhalb der nächsten 3 Wochen nach Therapieende

Abgeheilt =

  • Symptome am Euter verschwunden = Klinische Heilung
  • Kein Keimnachweis mehr nach Therapie oder Spontanheilung = bakteriologische Heilung

tTZZ (theoretische Tankzellzahl) =

  • Das ist die rechnerisch ermittelte Zellzahl, wenn die Milch von allen laktierenden Kühen einer Herde in den Tank gemolken würde. Die theoretische Tankmilchzellzahl ist normalerweise höher als die aktuell gemessene Zellzahl in der Herdensammelmilch, da bei der theoretischen Tankzellzahl alle laktierenden Tiere mitberücksichtigt werden (auch behandelte Tiere, die sich in der Wartezeit befinden, Tiere nach der Geburt oder Tiere, deren Milch wegen erhöhter Zellzahlen nicht in den Tank gemolken oder z.B. auch an Kälber vertränkt wurde).
 
© {{ new Date().getFullYear() }} - Institut für Veterinärpharmakologie und ‑toxikologie

Es kann keinerlei Haftung für Ansprüche übernommen werden, die aus dieser Webseite erwachsen könnten.